Weibliche Zielgruppen

Wohnen von Alleinerzieherinnen. Historische und aktuelle Problemlagen und Lösungsansätze

Liliana Molnar
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Situation von Alleinerzieherinnen im Wohnbau

Frauen sind am Wohnungsmarkt besonders benachteiligt. Sie sind von steigenden Wohnungskosten bei gleichbleibenden Reallöhnen besonders betroffen, weil sie ein geringeres Einkommensniveau haben, vermehrt teilzeitbeschäftigt, alleinlebend und alleinerziehend sind. In Wien ist jeder vierte Haushalt mit Kindern von Alleinerziehenden geführt, davon sind mehr als 90% Frauen.

Erhoben werden historische und aktuelle Problemlagen, die Wohnsituation und Wohnbedürfnisse von Alleinerzieherinnen. Untersucht wird, inwiefern öffentlicher Wohnbau ihren Bedarf an Zugang, Leistbarkeit und baulich-räumlicher Umsetzung erfüllt bzw. welche Verbesserungen notwendig sind.

Dies erfolgt mittels Literaturrecherche, Verwendung von wesentlichen Untersuchungsergebnissen des Vereins für Getrennt- und Alleinerziehende JUNO 2019 und einer eigens durchgeführten online-Umfrage mit 54 Teilnehmerinnen im Frühjahr 2020. Auf Basis daraus zusammengestellter Kriterien werden vier bestehende frauenspezifische Wohnprojekte und zwei aktuell geplante Wohnquartiere in Wien analysiert.

Ältere Wiener Wohnprojekte für Alleinerziehende

In der Geschichte waren Alleinerzieherinnen durchwegs sozial und rechtlich nicht akzeptiert und daher als Haushaltform im öffentlichen Wohnbau nicht berücksichtigt. Vor allem in den beiden Frauenbewegungen wurden Wohnkonzepte für Alleinerziehende entwickelt. In frauengerechten Modellwohnprojekten und partizipativen [ro*sa] Frauenwohnprojekten im Rahmen des öffentlich geförderten Wiener Wohnbaus ab den 1990er Jahren stellten Alleinerzieherinnen eine wichtige Zielgruppe dar.

Wohngebäude

Beim Wohnprojekt Frauen-Werk-Stadt 2 und den drei Frauenwohnprojekten [ro*sa] KalYpso im Kabelwerk, [ro*sa] Donaustadt und [ro*sa] ImElften zielte die Planung ab auf die Umsetzung von Wohnaspekten, die den Alltag von Frauen und Kinder erleichtern. Dazu gehören vielfältige Gemeinschaftsbereiche und -einrichtungen.

Frauengerechtes Modellwohnprojekt Frauen-Werk-Stadt 2, Wien-Favoriten, 2004. Erdgeschosszone mit Gemeinschaftseinrichtungen und Hausnebenräumen. Darstellung: Irena Leskaj. Quelle: Ganahl, Ifsits Larch Architekten mit Arch. Claudia König und Arch. Christine Zwingl
Frauenwohnprojekt [ro*sa] ImElften, Wien-Simmering, 2015. Gemeinschaftseinrichtungen und -räume im Gebäude. Darstellung: Irena Leskaj. Quelle: SS Plus Architektur

Wohnungen

Zur Erleichterung des Wohnalltags von Frauen und Kindern gehören auch Hausgemeinschaften für Alltagsunterstützung. Gemeinschaftliches Wohnen baulich-räumlich zu ermöglichen ist wichtig. Ein Angebot an kleinen, leistbaren und qualitätsvollen Wohnungen ist bedeutsam. Wohnungen, die räumliche Flexibilität bieten, unterstützen wechselnde Bedürfnisse und unterschiedliche Lebensphasen. 1/3 aller Wohnungen werden über das Wohnservice Wien vergeben.

Frauengerechtes Modellwohnprojekt Frauen-Werk-Stadt 2, Wien-Favoriten, 2004. Zwei-Zimmer Wohnung mit abtrennbarem Wohnbereich für Alleinerziehende. Darstellung: Irena Leskaj. Quelle: Ganahl, Ifsits Larch Architekten mit Arch. Claudia König und Arch. Christine Zwingl

Frauenwohnprojekt [ro*sa] ImElften, Wien-Simmering, 2015. Hohe Flexibität von 81m² großen Wohnungen. Darstellung: Irena Leskaj. Quelle: SS Plus Architektur

Aktuelle Problemlagen von Alleinerzieherinnen und Lösungsansätze zu Zugang und Leistbarkeit

Zu den größten Problematiken von Alleinerzieherinnen zählt aktuell der Zugang zum Wohnen. Dieser steht im engen Zusammenhang mit Leistbarkeit. Vor allem für die unteren Einkommensgruppen sind
qualitative Wohnmöglichkeiten und erwünschte bzw. benötigte Wohnungsgestaltung oft nicht realisierbar.

Umfrage: Wie hoch ist der Anteil der Wohnkosten inkl. Betriebskosten an Ihrem Einkommen?

Der geförderte Wohnbau ist die priorisierte Wohnform von Alleinerzieherinnen, trotzdem wohnen nur 17% dort. Die Erlangung einer geförderten Wohnung war bis Juni 2020 durch die komplexen Anforderungen zum Erhalt des Wohnticket-Wien, lange Wartelisten und hohen Eigenmittelanteil erschwert.

Umfrage-Ergebnisse zu Wohnformen von Alleinerzieherinnen. Darstellung auf Basis der automatisierten Ergebnisse

Seit 1.Juli 2020 gilt „Alleinerziehend“ als Kriterium für dringenden Wohnbedarf. Neben langfristigem, leistbaren Wohnbedarf benötigen Alleinerziehende auch kurzfristige Wohnmöglichkeiten.

Umfrage: Hätten Sie aufgrund Trennung, Scheidung, anderer Notsituation eine Wohnung als Übergangslösung gebraucht?

50 % antworteten mit Ja
50 % antworteten mit Nein

Umfrage: So viele Individualräume würde ich tatsächlich benötigen – außer Wohnraum/Wohnküche:

33,3 % 2 Individualräume
48,1 % 3 Individualräume
18,5 % 4 Individualräume

Im Rahmen des Wiener Wohnmodell Alleinerziehende wird in neuen Quartiersentwicklungen wie in Wolfganggasse/Eichenstraße (1120) und An der Schanze (1210) versucht, auf besondere Bedürfnisse zu reagieren. Alleinerziehenden wird erstmalig Unterstützung beim Zugang angeboten. Die Kosten sind auf Alleinerzieherinnen zugeschnitten. Es gibt Stundungsmöglichkeit für Grundkostenbeitrag und es werden sowohl kurzfristige als  auch langfristige Wohnmöglichkeiten angeboten.

Problemlagen und Lösungsansätze hinsichtlich baulich-räumlicher Aspekte

Aufgrund des durchschnittlich niedrigen Einkommens von Alleinerzieherinnen sind Wohnungen mit erwünschter Wohnqualität oder notwendiger Anzahl von Räumen in einer leistbaren Wohnungsgröße oft nicht findbar. Alleinerzieherinnen müssen dabei besonders oft ungeeignete Lösungen eingehen.

Untersuchungen belegen, dass 30% der alleinerziehenden Frauen gerne umziehen würden. Es besteht großer Wunsch nach zugänglichen, leistbaren, kompakten Wohnungen mit einem Individualraum für jedes Haushaltsmitglied.

Mehr als 70% der befragten Alleinerzieherinnen gab an, gerne ein Wohnprojekt mitzugestalten, aus zeitlichen und finanziellen Gründen sei es für die meisten jedoch keine realistische Option. Insgesamt wird ein langfristiges, selbstbestimmtes Wohnen in gemeinschaftlichem Umfeld gewünscht. Alleinerzieherinnen haben außerdem das Bedürfnis, Arbeitstätigkeit und Kinderbetreuung besser mit Wohnen zu verbinden.

Lösungsansätze hinsichtlich baulich-räumlicher Aspekte

Mehrere aktuelle Projekte des geförderten Wiener Wohnbaus beinhalten das neue Wohnmodell für Alleinerziehende und unterstützen damit Zugang, Leistbarkeit und Raumanforderungen für diese Zielgruppe. Die qualitativen Planungskriterien der Sozialen Nachhaltigkeit beinhalten frauengerechte Aspekte, die die Alltagsbedürfnisse von Benutzerinnen berücksichtigen.

Die Analyse von zwei derzeit entstehenden Wiener Wohnquartieren An der Schanze und Wolfganggasse in den drei Maßstabsebenen Wohnumfeld, Wohngebäude und Wohnung zeigt auf, dass die Bedürfnisse von Alleinerzieherinnen dort überdurchschnittlich berücksichtigt werden.

Wohnumfeld und Wohngebäude

Durch zahlreiche Hausneben- und Gemeinschaftsräume sollen Frauen so gut wie möglich in der Alltagsorganisation unterstützt werden. Die Ausübung der Arbeitstätigkeit und Kinderbetreuung wird erleichtert.

Quartier An der Schanze. Housing First – Wohnen für Alleinerziehende. Darstellung: Irena Leskaj. Quelle: Wettbewerbsbeitrag Froetscher Lichtenwagner Architekten
Wohnungen

JUNO – Zentrum für Getrennt- und Alleinerziehende fungiert als Schnittstelle zwischen Wohnbauträgern und wohnungsinteressierten Alleinerziehenden hinsichtlich Verträgen und optimierter Wohnungsplanung.

Auf die Flexibilität der Wohnungen wird geachtet, um diese an veränderte Lebenssituationen und Bedürfnisse anpassen zu können. Die temporäre Schaffung von unterschiedlichen Räumen für wechselnde Alltage von Alleinerzieherinnen und ihren Kindern steht im Vordergrund.

Quartier Wolfganggasse Bauplatz A1. Smart-Flex Wohnungen für Alleinerziehende 52 m².
Mit Schiebeelementen abtrennbarer zweiter Schlafbereich für die Nacht. Darstellung: Irene Leskaj.
Quartier Wolfganggasse Bauplatz C. PlusRaum – Strategie Wohnungen. Darstellung: Irena Leskaj

Es gibt ein vielfältiges Angebot verschiedenster Wohnformen. Dazu zählen gemeinschaftliche Wohnformen wie Cluster-Wohnen mit mehreren Wohneinheiten oder ein Mutter-Kind-Haus für kurzfristiges Wohnen. Auch Gästewohnungen werden angeboten, die in Notsituationen getrennt oder gemeinsam zur Verfügung gestellt werden können.

Quartier Wolfganggasse Bauplatz C. Cluster – Wohnungen Neunerhaus. Fünf vollmöblierte Wohneinheiten verbunden mit gemeinsamem Wohn-, Ess-, Kochbereich und Terrasse. Darstellung: Irena Leskaj. Quelle: Wohnfonds_Wien
Quartier Wolfganggasse Bauplatz A1. Mutter-Kind-Haus mit Wohngemeinschaft pro Geschoss samt gemeinsamen Wohn-,Ess-, Kochbereich sowie Mehrzweckraum für Spielen und Lernen. Darstellung: Irene Leskaj. Quelle: Wonfonds_Wien
An der Schanze Bauplatz E. Gästewohnungen oder Notwohnungen getrennt oder gemeinsam benutzbar. Darstellung: Irena Leskaj. Quelle: SS Plus Architektur

Fazit

Die Ergebnisse der Arbeit bestätigen das wichtige Zusammenspiel von Zugang, Leistbarkeit und alltagsgerechter Gestaltung von Wohnbau für Alleinerziehende. Alleinerzieherinnen benötigen erleichterten, auch kurzfristig möglichen Zugang zu leistbarem Wohnen. Wohnungen sollen kompakt, jedoch qualitätsvoll und flexibel sein. Wohngebäude und Wohnumfeld sollen den Alltag mit Zusatzeinrichtungen gut unterstützen.

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