Wohnbedürfnisse von Frauen

Adaptierung der Kriterien der Sozialen Nachhaltigkeit an neue frauenspezifische Alltagsbedürfnisse

Lara Lübke
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Auswirkungen durch COVID-19 auf Gesellschaft und Raum

Bedingt durch COVID-19 haben sich Lebens- und Arbeitsumstände drastisch geändert und sind neue Bedürfnisse von Individuen und Gemeinschaft entstanden. Die Wohnung hat sich zum Ort des gesamten Lebens und Tagesgeschehens mit Arbeiten und Kinderbetreuung, Freizeit und Rückzug entwickelt. Homeoffice und Homeschooling stellen vor allem erwerbstätige Familien vor große soziale und räumliche Herausforderungen.

Durch mangelnde Arbeitsflächen und zusätzliche Kinderbetreuung findet am heimischen Esstisch nicht mehr nur das Familien- sondern auch das Arbeitsleben statt. Durch die Konzentration des Tages auf die eigenen vier Wände entsteht eine hohe Mehrfachbelastung.

Wohnungen, Wohngebäude und Wohnumfeld müssen nun noch mehr Funktionen erfüllen. Baulich-räumliche Defizite wurden augenfälliger. Architekturplanung kann einen wichtigen Beitrag leisten, die neuen Lebens- und Arbeitsweisen zu unterstützen. Dafür müssen im Wohnbau vorhandene Planungskriterien auf ihre aktuelle und zukünftige Treffsicherheit überprüft und gegebenenfalls adaptiert und ergänzt werden.

Frauen mehr betroffen

Besonders Frauen sind durch die Auswirkungen der globalen Pandemie betroffen, insbesondere jene innerhalb binärer Partnerschaften, die nach wie vor mehr unbezahlte Haus- und Familienarbeit verrichten als Männer. Ökonom*innen argumentieren, dass die COVID-19 Pandemie wie eine „Gleichmacherin“ zwischen den Geschlechtern wirken würde, da auch Männer im Homeoffice nun Bewusstsein vom hohen Aufwand von Haushalt und Familienbetreuung erlangen und sich einbringen würden.

Jedoch zeigen Studien und Umfragen, dass dies nicht der Fall ist. Im Gegenteil verstärken Homeoffice und die Verlagerung des Lebensmittelpunktes aller Bewohner*innen in die Wohnung die traditionellen Rollenbilder und Strukturen und führen zu noch höherer Mehrfachbelastung von Frauen insbesondere bei der Kinderbetreuung. Dazu tragen auch räumliche Faktoren bei.

38% der Frauen betreuen ihre Kinder während der Arbeitszeit im selben Raum. Bei nur 19% der Männer befinden sich Kinder während der
Arbeitszeit im selben Raum.

Umfrage: Kinderbetreuung während des Lockdowns – Ergebnisse einer Umfrage an der WU Wien zu genderspezifischen Effekten von Covid-19. Quelle: Darstellung der Verfasserin

Frauengerechtes Wohnen und Soziale Nachhaltigkeit

Bereits in der Zweiten Frauenbewegung wurde kritisiert, dass Frauenbelange in der Planung von Städte- und Wohnbau nur unzureichend berücksichtigt sind. Forderungen betrafen baulich-räumliche Verbesserungen in Wohnumfeld, Wohngebäude und Wohnung für die komplexeren Alltagsbedürfnisse und -wege von Frauen.

Alltags- und frauengerechte sowie gendersensible Planung hat in Wien ab den 1990er Jahren Einzug gehalten in den Kriterienkatalog der Bauträgerwettbewerbe des öffentlich geförderten Wohnbaus und damit in die alltägliche Planungspraxis. Seit 2009 sind wesentliche Kriterien des alltags- und frauengerechten Planens und Bauens in der vierten Kriteriensäule „Soziale Nachhaltigkeit“ zur Vergabe von Wohnbauförderungsmittel für eingereichte Bauvorhaben subsumiert.

Soziale Nachhaltigkeit und relevante Kategorien und Kriterien für Adaption

Hiermit erfolgt eine Untersuchung der Kriterien der Sozialen Nachhaltigkeit auf ihre Treffsicherheit in der aktuellen COVID-19 Krise und der herausfordernden Wohn- und Arbeitssituation, in der sich Frauen in Österreich befinden. Die Soziale Nachhaltigkeit beinhaltet vier Kategorien: Alltagstauglichkeit, Kostenreduktion durch Planung, Wohnen in Gemeinschaft und Wohnen für wechselnde Bedürfnisse mit jeweils vier Unterkategorien samt je drei bis elf Kriterien.

Dabei weisen vor allem die drei Kategorien „Alltagstauglichkeit“, „Wohnen in der Gemeinschaft“ und „Wohnen für wechselnde Bedürfnisse“ besondere Bezüge zu COVID-19 Auswirkungen wie Homeoffice, Homeschooling und Lockdowns sowie Ausgangssperren auf. Sie behandeln vor allem die räumlichen Strukturen sowie das gemeinschaftliche Leben innerhalb von Wohnung und Wohngebäuden.

Relevante Kriterien aus jeder Kategorie werden sichtbar gemacht, untersucht und interpretiert. Besonders relevante Kriterien werden hervorgehoben und Vorschläge zur Adaptierung wie auch Ergänzungen gemacht.

Veranschaulichung der Kriterien der Sozialen Nachhaltigkeit und ihre Bedeutung hinsichtlich COVID-19 Veränderungen. Darstellung: Lara Lübke

Vorschläge zur Weiterentwicklung der Kriterien der Sozialen Nachhaltigkeit

Wohnungsstrukturen sind so flexibel zu planen, dass sie eine temporäre Anpassung von Räumen erleichtern. Es bedarf nutzungsneutraler, flexibler und vor allem umnutzbarer Räume, die die Verlagerung des Arbeitsplatzes in die eigene Wohnung ermöglichen. Die Möblierbarkeit mit Normmöbeln wird wichtiger aufgrund verbreiteter notwendiger Neuanschaffungen. Darüber hinaus bedarf es mehr Stauraum, da Arbeitsplätze eingerichtet und Arbeitsutensilien mit nach Hause genommen werden müssen. Wohnungseigene Freiräume bekommen eine neue, besondere Bedeutung.

Wohngebäude bedürfen zusätzlich anmietbarer Räume, umnutzbarer Gruppenräume und insgesamt nutzungsflexibler Erdgeschosszonen, die den neuen „Ballungsraum Wohnung“ entlasten. Als Arbeitsbereiche oder Pausenräume genutzt, können sie die Nähe von Arbeiten und Wohnen in der Wohnung entzerren. Hausnebenräume wie Waschküchen samt Trockenräumen sowie eine hausinterne Werkstatt bekommen eine neue Bedeutung. Verbesserte Nutzung oder Aktivierung von Dachflächen ermöglichen Abwechslung, Erholung und Gemeinschaft im Freien.

Die Erhöhung der Wohnsicherheit bekommt aufgrund des vermehrten Aufenthaltes in Wohngebäuden und Wohnumfeld eine größere Bedeutung. Technische, soziale und baulich-räumliche Verbesserungen tragen zu einem höheren Sicherheitsgefühl und angstfreier Alltagsbenutzung bei.

Das Wohnumfeld soll attraktive Außenbereiche bieten. Wohnungsnahe Freiflächen sind gefragter denn je und sollen Bewohner*innen Möglichkeit für Freizeit, Ausgleich und Ruhe bieten. Dabei gilt es, Bereiche für unterschiedliche Benutzer*innen- und Altersgruppen und verschiedene Nutzungsanforderungen an Freiraum zu berücksichtigen.

Auf sozialer Ebene ist die Zurverfügungstellung von Wohnungen für Menschen mit geringerem Einkommen, wie Alleinerzieherinnen besonders wichtig. Kooperationen mit sozialen Dienstleistern sind in Zeiten, in denen das soziale Auffangnetz durch Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen zusammenbricht, ausgesprochen nützlich. Zur Unterstützung von bedürftigen Bewohner*innen können neue Kommunikationstools nützlich sein.

Es ist daher umso wichtiger, aus Krisen zu lernen und die Kategorien und Kriterien der Sozialen Nachhaltigkeit immer wieder, vor allem aus einem frauenspezifischen Blickwinkel, zu überprüfen und weiterzuentwickeln.

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