Wohnbedürfnisse von Frauen

Wohnbedürfnisse der Frauen-Generationen Y,Z und entsprechende Planungsansätze

Veronika Amann
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Umfrage zu frauengerechtem Planen 2.0

Die Planung von öffentlichem Wohnbau orientierte sich mehr als ein dreiviertel Jahrhundert an den Bedürfnissen von Männern. Ab der Zweiten Frauenbewegung gab es eine umfassende Thematisierung und Bemühungen die Alltagsbedürfnisse von Frauen zu erheben, aufzuzeigen und baulich-räumlich im öffentlichen Wohnbau zu berücksichtigen. In den späten 1990er Jahren ergänzte in Wien eine Kriterienliste mit alltags- und frauengerechten Planungsaspekten die Vergabekriterien von öffentlich geförderten Wohnbauprojekten in Wien.

Seit geraumer Zeit wurden aktuelle Wohnbedürfnisse von Frauen nicht mehr ausreichend erhoben. Daher wurde in einer eigens erstellten online-Umfrage 2020 ermittelt, worauf ab 1980 geborene Frauen beim Wohnen besonderen Wert legen und welche baulich-räumliche Ausbildung von Wohnumfeld, Wohngebäude und Wohnungen ihnen besonders wichtig ist. An der Umfrage nahmen 123 Personen teil, davon 91% Frauen, durchschnittlich 27 Jahre alt, davon 58% Student*innen. Die Auswertungen zeigen, dass die aktuell verwendeten Planungskriterien im öffentlich geförderten Wiener Wohnbau vielfach sehr begrüßt werden und auch um einige Kriterien ergänzt werden sollten.

Attraktives Wohnumfeld

Das ideale Wohnumfeld soll eine gute öffentliche Verkehrsanbindung haben und mehr Platz für Fußgänger*innen, Radfahrer*innen bieten. Im Wohnumfeld wollen die Befragten keinesfalls auf ausreichend Grünflächen in der Nähe verzichten. Auffallend ist, dass den neuen Generationen Naturbezug besonders wichtig ist, also die Begrünung der Wohnumgebung und Straßen. Ein unabdingbarer Faktor ist ein großes Angebot an essenzieller Infrastruktur, wie z.B. Apotheken, Postämter, (Bio-)Lebensmittelläden, aber auch Freizeitangebote wie beispielsweise Cafés, vegetarische Restaurants und Schwimmbäder. Darüber hinaus werden begrünte Wege und Flächen, die auch zum Verweilen einladen und kulturelle Verwendungen ermöglichen, gefordert. Als besonders wichtig wird die „Vernetzung“ mit vorhandener sozialer Infrastruktur“ hervorgehoben.

Umfrageergebnisse zur Wichtigkeit verschiedener bauplatzbezogene Einrichtungen

„Idealplanung“ eines Wohnumfeldes. Darstellung: Veronika Amann

Gut nutzbares und begrüntes Wohngebäude

Im Erdgeschoss von Wohngebäuden sollen unterschiedliche Nutzungen, Einrichtungen und Infrastruktur untergebrachten werden. Dazu gehören auch gut gestaltete und belichtete Gemeinschaftsräume und -flächen. Auch „gut zugängliche, großzügige Fahrrad- und Kinderwagenabstellräume“, eine „attraktive Waschküche“ sowie eine „Paketannahmestelle“ sind wichtig. Auf Parkplätze im Wohngebäude können junge Menschen verzichten.

Am meisten würden die Befragten eine Dachterrasse mit Bepflanzung und Möglichkeiten zum Selbstanbau von Gemüse, wie zum Beispiel Hochbeete und einen attraktiven Gemeinschaftsgarten mit Obstbäumen schätzen.

überhöhte Erdgeschosszonen mit Nahversorgung, sozialer Infrastruktur und freundlichen Neben- und Gemeinschaftsräumen
Gemeinschaftsgarten mit Sitzmöglichkeiten und Freiflächen für Spiel und Sport
Dachterrasse mit Gemüsebeeten, Obstbäumen und Sitzmöglichkeiten

„Mir ist es wichtig, dass das Haus oder die große Wohnung mit privatem Freiraum, viel Begrünung, genügend Platz, großen, hellen und lichtdurchfluteten, natürlich belüfteten Räumen und Gemeinschaftsflächen im Freien (Dachterrasse, Garten) ausgestattet ist.“

Lisa Mustermann, Bewohnerin

„Idealplanung“ eines Wohngebäudes. Darstellung: Veronika Amann

Vielfältige Wohnungstypen mit Freiräumen

Die soziale Durchmischung durch Einbindung unterschiedlicher Wohnformen und -größen wird als besonders wichtig erachtet. Von großer Bedeutung ist ein Angebot unterschiedlichster Wohnungsgrößen mit flexiblen, nutzungsneutralen Grundrissen. Wohnungen sollen für vielfältige Haushaltskonstellationen und Nutzungen geeignet sein. Die Anpassbarkeit von Wohnungen an die Wünsche der Bewohner*innen ist wichtig. Ein Angebot an zuschaltbaren Wohneinheiten wird gewünscht.

60 % der Befragten könnten sich vorstellen in einer Wohngemeinschaft zu wohnen

74 % der Befragten sind flexible Grundrisse wichtig

„Idealerweise in einer gemeinschaftlichen Wohnsituation mit Bekannten, Freundin und Familie. Bei der allerdings jeder seine eigene Wohnung und seine eigenen Bereiche hat, es aber auch gemeinsame und auch tatsächlich gemeinsam genutzte Bereiche gibt. Wichtig ist mir mein eigener Raum – eine Wohngemeinschaft wäre undenkbar.“

Lisa Musterfrau, Bewohnerin

Unter den vorhandenen Planungskriterien werden folgende als besonders wichtig erachtet: „nutzungsneutrale, flexible Räume“ und „ausreichende Stauräume“. Außerdem sollten folgende Kriterien unbedingt ergänzt werden: helle, natürlich belichtete Wohnzimmer und Küche, Rückzugs- und Arbeitsmöglichkeiten für jeden/jede einzelne/n Bewohner*in durch abtrennbare Zimmer. Private Freiräume für jede Wohneinheit wie ausreichend große Balkone, Loggien oder Terrassen werden als elementare Bestandteile einer Wohnung erachtet. Am ehesten könnte auf große Schlafzimmer verzichtet werden.

  • Unterschiedliche Wohnungsgrößen, zuschaltbare Wohnungen
  • Für jede Wohneinheit ein eigener Balkon/Loggia= wohnungsbezogener Freiraum
  • Schallschutzdichte Wände und Fenster
  • Die Möglichkeit, Raum mit Wänden abzutrennen (Arbeitszimmer, Abstellraum, Rückzugsort)
Veranschaulichung der „Idealwohnung“. Darstellung: Veronika Amann

Die beispielhafte Einzimmerwohnung kann wie alle anderen Wohnungstypen, durch verschiebbare Wandelemente abgetrennt werden. Nicht nur eine Waschmaschine und ein Geschirrspüler sind bei der Wohnung inkludiert, sondern auch ein Staubsaugroboter. Die großen Schallschutzfenster sorgen für eine helle und ruhige Atmosphäre im Wohnungsinneren.

Die nötigsten, qualitativ hochwertigen, alltagserleichternden Geräte, wie automatische Staubsauger, Jalousien, Heizungssysteme sowie Geschirrspüler sind gefragt. Sonstige moderne technische Features und Gadgets werden von den Generationen Y und Z überraschenderweise eher abgelehnt.

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