Wohnbedürfnisse von Frauen

Frühe Gemeindebauten des Roten Wien und ihre Eignung für heutige Wohnbedürfnisse von Frauen

Sara Morelli
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Bedeutung von Gemeindebauten im Wiener Wohnbau

Gut ein Viertel aller Einwohner*innen Wiens wohnt in einem Gemeindebau, dabei beträgt der Frauenanteil 53%. Der Gebäudebestand der ältesten Gemeindebauten aus 1922 bis 1934 umfasst 379 Wohnanlagen mit 60.000 Wohnungen. Viele davon wurden bereits saniert.

Verteilung der Gemeindebauten in Wien. Darstellung Sara Morelli. Quelle

Geschlechterverteilung im Gemeindebau Wiens
53 % Frauen
47 % Männer

Wie diese Wohnbauten baulich-räumlich für die heutigen Wohnbedürfnisse von Frauen geeignet sind, wird unter Anwendung von frauengerechten Planungskriterien am Beispiel zweier ausgewählter Großwohnanlagen, dem Karl-Marx-Hof in Wien-Heiligenstadt und dem Reumannhof in Wien-Margareten, analysiert.

Dabei ist das Bewusstsein vorhanden, dass es sich um bauliche Anlagen handelt, die 100 Jahre alt sind und es aufgrund dessen technische und bauliche Einschränkungen für eine Eignung und Optimierung gibt.

Gemeindebauten des Roten Wien 1922-1934

Die Wiener Gemeindebauten des Roten Wien wurden in der Wirtschaftskrise für die Arbeiterschaft errichtet. Sie sollten deren Lebensbedingungen verbessern und leistbar sein. Besonderes Merkmal war die umfangreiche Ausstattung. In den Anlagen gab es eine Zentralwäscherei und Brausebäder. Nahversorgung wie Geschäftslokale, Postamt und Apotheke war ebenso vorhanden wie soziale Einrichtungen wie Kindergarten, Jugendheim und Mütterberatungsstelle. Es gab medizinische Einrichtungen wie Krankenkasse, Zahnklinik und Arzt und es gab kulturelle Einrichtungen wie Bücherei, Werkstätten und Ateliers. Große Gartenhöfe ermöglichten Spiel und Begegnung. Die Wohnungen waren 38 bis 57 m² groß, hatten mindestens zwei Räume, die natürlich belichtet waren, sowie Vorraum, Wasseranschluss und WC. Die Kleinstwohnungen hatten Küche und ein Zimmer. Die größten hatten eine Küche, Wohnraum und zwei Schlafkammern.

Die für die Analyse ausgewählten Großwohnanlagen sind der Reumannhof, am Margaretengürtel, aus 1924-1926 mit 460 Wohnungen sowie der Karl-Marx-Hof, in der Heiligenstädterstraße aus 1926-1930 mit 1400 Wohnungen.

Reumannhof, 2017. Foto © Thomas Redl WikimediaCommons
Karl-Marx-Hof, 2015. Foto © Bwag WikimediaCommons

Sanierungen

Die Sanierungen der Wohnanlagen (Karl-Marx-Hof 1989-1992, Reumannhof 1993-1996) umfassten Freiraumgestaltung, Sockelsanierung, Fernwärmeanschluss, Aufzugseinbau, Wohnungszusammenlegungen, Wohnungssanierungen, Fassaden- und Fenstererneuerungen, Instandsetzungen von Balkonen und Loggien sowie Dachgeschossausbau.

Bei den Wohnungssanierungen wurden Bäder eingebaut bzw. vergrößert. Viele Bäder sind aufgrund der geringen Größe nicht barrierefrei. Küchen wurden dadurch entweder reduziert und zum Durchgangsraum (auf 6-8 m² im Karl-Marx-Hof) aber auch erweitert (10 bis 16 m² im Reumannhof). Im Karl-Marx-Hof gibt es mehr private Freibereiche als im Reumannhof.

Wohnbedürfnisse von Frauen und Kriterien frauengerechten Planens und Wohnens

Wohnbedürfnisse von Frauen veränderten sich im Wandel der Zeit. Seit den 1990er Jahren gibt es beforschte, ermittelte und formulierte alltags- und frauengerechte und gendersensible Planungskriterien für Städte- und Wohnbau. Diese beziehen sich auf die Maßstabsebenen Wohnumfeld, Wohngebäude und Wohnung.

Im Wohnumfeld profitieren speziell Frauen und Kinder von einer guten Versorgungslage mit kurzen Wegen und leichter, sicherer Erreichbarkeit von Nahversorgung, Kinderbetreuung und unterschiedlich nutzbarem Freiraum.

Wohngebäude sollen durch natürlich belichtete, übersichtliche Eingänge und Erschließungsbereiche nachbarschaftliche Begegnungen und Sicherheitsempfinden ermöglichen. Eine Ausstattung mit Gemeinschaftseinrichtungen wie Waschküchen und Kinderspielräume, sowie eine gute Erreichbarkeit von Hausnebenräumen unterstützen Alltagstätigkeiten.

Wohnungen sollen durch Typologie, Größen und Flexibilität für möglichst unterschiedliche Lebensphasen und Haushaltsgrößen geeignet sein. Vielfältige Alltagstätigkeiten wie Haushaltsführung, Kinderbetreuung, Arbeit und Erholung sollen möglich sein und Räume daher getrennt begehbar und nutzungsneutral sein. Privater Freiraum erhöht die Wohnqualität. Sicht- und Rufkontakt zum Freiraum ist wichtig.

Baulich-räumliche Eignung der frühen Gemeindebauten des Roten Wien für frauenspezifische Wohnbedürfnisse

Die baulich-räumliche Analyse der Gegebenheiten der beiden Gemeindebauten Karl-Marx-Hof und Reumannhof anhand frauenspezifischer Wohnbedürfnisse zeigt unterschiedliche Eignung von Wohnumfeld, Wohngebäude und Wohnungen für heutige Bewohnerinnen.

Wohnumgebung

Die Wohnumgebung der großmaßstäblichen Anlagen wird den frauenspezifischen Anforderungen nach naher Alltags-Infrastruktur äußerst gerecht. Viele der ursprünglichen Einrichtungen für Nahversorgung, Soziales, Medizinisches, Kulturelles sind noch oder in abgeänderter Form in Funktion und fußläufig leicht erreichbar, zusätzliche gibt es in der Nachbarschaft. Die öffentliche Verkehrsanbindung ist gut. Die existierenden, großen Höfe und Freiflächen sind ausreichend groß, die Überschaubarkeit gut und für die Bildung nachbarschaftlicher Kontakte sind sie gut geeignet.

Karl-Marx-Hof, Freiflächen, 2021. Foto: Irena Leskaj
Reumannhof, Innenhof II, 2013. Foto © Haeferl WikimediaCommons

Nicht optimal ist die Nicht-Nutzung der großen Grünflächen (Karl-Marx-Hof) oder das Fehlen von Spielplätzen aufgrund der Offenheit zum nahen Margaretengürtel (Reumannhof). Das Sicherheitsgefühl im Reumannhof ist durch die schlechte Belichtung der Höfe bei Nacht beeinträchtigt.

Handlungsempfehlungen umfassen:

  • Abgrenzung vom privaten und öffentlichen Raum
  • Schaffung von Erholungszonen
  • Schaffung von nutzungsverschiedenen Bereichen
  • Schaffung verschiedener Grünflächen
  • Förderung der soziale Kontakte
Symbolisierung der Handlungsempfehlungen für das Wohnumfeld

Wohngebäude

Die Wohngebäude weisen teilweise schlecht belichtete und belüftete Stiegenhäuser und enge, dunkle Durchgänge zu den Innenhöfen auf. Damit ist das persönliche Sicherheitsempfinden beeinflusst und nachbarschaftliche Begegnungs- und Kommunikationsmöglichkeit eingeschränkt. Die Barrierefreiheit ist in beiden Wohnanlagen nur teilweise gegeben, viele Bereiche und Wohnungszugänge sind nur über Stiegen erreichbar, was sich problematisch auf die Benutzbarkeit im Alter oder bei Krankheit auswirken kann. Es gibt kaum Gemeinschaftsräume und keine gemeinschaftlichen Arbeitsbereiche.

Karl Marx Hof, Eingang Innenhof, Stiegenhaus. 2020. Fotos: Sara Morelli

Handlungsempfehlungen umfassen:

  • Die Schaffung von Gemeinschaftsräumen und -flächen
  • Die Verbesserung der Belichtung und Belüftung der Stiegenhäuser
  • Die Gewährleistung von Barrierefreiheit
  • Die Optimierung der Sicherheit durch Helligkeit
Symbolisierung der Handlungsempfehlungen für die Wohngebäude

Wohnungen

Bei den Wohnungen selbst zeigt sich, dass aufgrund der Kleinheit beinahe keine Möglichkeiten für flexible Raumnutzungen gegeben sind. Es sind auch nur beschränkte Optionen zur Adaptierung von Räumen an verschiedene Lebensphasen und -situationen vorhanden. Problematisch ist die Größe, Schmalheit und Durchgangscharakter der Küchen im Karl-
Marx-Hof, die Badezimmer dort sind meist nicht barrierefrei. Dadurch ist komfortable Familien- und Hausarbeit eingeschränkt. Küchen und Bäder im Reumannhof weisen eine gute Größe und Nutzbarkeit auf. Alle Wohnungen sind gut natürlich belichtet. Private Freiräume sind im Karl-Marx-Hof ausreichend vorhanden, der Reumannhof bietet vergleichsweise
wenige Balkone oder Loggien. Ein Anmieten zusätzlicher Räume ist nicht möglich.

Karl Marx Hof Stiege 77 Top 14. Quelle: MA37

Reumannhof Stiege 13 Top 33. Quelle: MA37

Handlungsempfehlungen umfassen:

  • Optimierung der Badezimmer
  • Optimierung der Küchen
  • Gewährleistung von Barrierefreiheit
  • Schaffung von privaten Außenräumen
Symbolisierung der Handlungsempfehlungen für Wohnungen

Optimierung älterer Gemeindebauten

Visualisierung der Handlungsempfehlungen für Gemeindebauten. Darstellung: Sara Morelli

Sara Morelli
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